Einhundertundeine Geschichte von Nasreddin Hodscha
96 Seiten, mit 10 Abbildungen, kartoniert, 22 cm
1. Auflage November 2007
Santiago Verlag, Goch
ISBN / Code: 978-3-937212-24-1

10,- €

 
       
Till Eulenspiegel kennt jedermann. Und Nasreddin Hodscha? Das orientalische Pendant des weisen Narren hat in der Türkei quasi Kultstatus. Kein Kind, kein Erwachsener, der nicht ein paar bunte Streiche und Anekdoten von Nasreddin erzählen kann. Mit den türkischen Gastarbeitern kam vor Jahrzehnten auch Nasreddin Hodscha nach Deutschland. Doch hier führt die schillernde Gestalt eher ein zurückgezogenes Leben. Nasreddin – das ist in Deutschland noch ein Geheimtipp.

Der Erzähler und Begründer von „Kutschkultur“, Jürgen Bosbach, begegnete Nasreddin zum ersten Mal beim Frisör. Sein türkischer Barbier in Duisburg erzählte ihm mit wachsender Begeisterung und ausladender Gebärde einen Schwank des orientalischen Schelms nach dem anderen. „Das war unglaublich witzig und nach und nach begannen auch die anderen Frisöre in dem Laden Nasreddin-Geschichten zu erzählen“, erinnert sich Bosbach.
Bosbach empfand die Situation damals als interkulturellen Glücksmoment: „Wir konnten trotz aller kulturellen Unterschiede miteinander über die gleiche humoristische Figur lachen.“ Insofern sieht Bosbach in Nasreddin Hodscha einen Botschafter für türkische Lebensart und orientalische Heiterkeit. Über den Humor werde so die Brücke zwischen den Kulturen geschlagen.
Im Laufe von acht Monaten hörte Bosbach sich bei weiteren türkischen Familien um und trug 101 Geschichten, Schnurren und Streiche des populären Schelms zusammen. Skurril ist jede einzelne Anekdote: So kommt Nasreddin etwa zu dem Schluss, dass es besser sei, wenn Kühe nicht fliegen können. Er alarmiert die Feuerwehr, obwohl es nicht brennt und begeht einen Streich nach dem nächsten. Aber er kann auch anders: Als Richter kämpft er für Gerechtigkeit, als Lehrer kämpft er gegen Dummheit und als Prediger gegen Gleichgültigkeit. So bietet der weise türkische Narr humorvolle und kluge Unterhaltung vom Feinsten.

Nasreddin Hodscha (wörtlich: Sieg der Religion) ist übrigens keine rein fiktive Gestalt. Doch gibt es über die historische Person nur wenig Verlässliches: Nasreddin soll im 13./14. Jahrhundert im südlichen Anatolien gelebt haben, unter anderem als Narr am Hofe des gefürchteten Herrschers Timur. Hinlänglich belegt ist, dass Nasreddin ein für seinen Witz bekannter Hodscha, das heißt ein religiöser Lehrer, war. In der südanatolischen Kleinstadt Akschehir befindet sich noch heute Nasreddins angebliche Grabstätte – geschmückt mit einem riesigen Marmor-Turban.

„Einhundertundeine Geschichte von Nasreddin Hodscha“ ist eine Sammlung der schönsten Nasreddin-Schwänke, die Bosbach behutsam in eine zeitgemäße Sprache gebracht hat. Zehn farbige Miniaturaquarelle von Arya M. Kamali, iranischer Illustrator aus einer alten Maler- und Zeichnerfamilie persischer Tradition, ergänzen die Geschichten. Turban- und Blumenzeichnungen von Jutta Schluesener umranken das Ganze und runden die liebevoll gestaltete Ausgabe ab.

Bosbachs Buch setzt sich durch die besondere Aufmachung, die Bandbreite der Geschichten und nicht zuletzt den geringen Preis von 10 Euro deutlich von den wenigen anderen Nasreddin-Ausgaben, die es derzeit auf dem Markt gibt, ab. Ob als kleines Geschenk-Büchlein, als Westentaschen-Begleiter, als Nachttisch-Lektüre oder als Vademecum orientalischer Heiterkeit – das Buch ist für all das bestens geeignet.